Jeden Mittwochabend läuft in der ARD die Talkshow Maischberger. Früher war sie eine klassische Talkshow: Meist fünf Gäste sitzen munter in einer Runde und diskutieren ein aktuelles Thema. Seit dem letzten Jahr experimentiert das Maischberger-Team jedoch mit abgewandelten Formaten: Gelegentlich zeigen sie „Maischberger – Vor Ort“ aus einer bestimmten Stadt in Deutschland. Diese Show besteht dann daraus, dass Leute aus dem Publikum beliebige Fragen an die ihre – hier dann meist zwei – Gäste stellen dürfen, die Antworten und sich das Spiel einfach solange wiederholt, bis die Sendeszeit vorbei ist. Ein darüber hinausgehendes inhaltliches Konzept gibt es nicht, die Moderatorin interveniert auch bei populistischen Verkürzungen in Fragen oder Antworten nicht und entsprechend schnell radikalisieren sich alle beteiligten. Das hat keinen journalistischen oder informativen Mehrwert – Macht aber vermutlich ganz okay Quote.

Grundsätzlich aber läuft im Moment jeden Mittwoch „Maischberger – Die Woche“. In dieser Sendung bespricht Maischberger zumeist nacheinander drei voneinander unabhänige Themen mit drei voneinander unabhänigen Gästen, die auch nur für ihren jeweiligen Slot vor der Kamera sind. Und zwischen diesen Einzelinterviews ordnet sie das Geschehen mit drei Journalist*innen medial ein. Dabei hat keine andere Talkshow öfter Vertreter*innen der AfD im Studio. Und auch die Auswahl der Journalist*innen erfolgt nach einem bestimmten Muster: Es ist immer ein rechter Provokateur da (zumeist Jan Fleischhauer, gerne aber auch mal Nikolaus Blome oder Peter Hahne) und meist jemand extrem wirtschaftsliberales und jemand eher ökologisch-eingestelltes. So ist für jede*n Zuschauer*in etwas dabei, alle fühlen sich abgeholt und haben – weil die inhaltliche Kompetenz nur ein untergeordnetes Kriterium ist – auch das Gefühl, dass sie selbst auf Augenhöhe mitdiskutieren könnten. Kleine Ankedote: Vor einigen Jahren machte Sandra Maischberger eine Sendung zum Thema Übergewicht – Und lud als Gast ein Werbetestamonial der Firma Weight Watchers ein.

Maischbergers Gäste sind also besonders oft rechts und provokativ, häufig zudem männlich und fast immer weiß. Das hatte das Team ursprünglich auch für die gestrige Ausgabe des Talks so geplant, obwohl es auch um den Mord an George Floyd und seine Konsequenzen gehen sollte. Eine Sendung über Rassismus aber ohne betroffene Person? Das geht gar nicht – Dachten sich viele Twitter-User*innen und protestierten lautstark. Die Redaktion wiegelte erst ab, twitterte ihrerseits: „Lasst uns doch alle erst mal die Sendung anschauen und anschließend gerne weiterdiskutieren. Machen wir das so?“ und einen Zwinkersmiley und erntete anschließend und zurecht noch viel mehr Kritik.

Maischberger, 04.06.2020

Doch man reagierte auch und bemühte sich kurzfristig um eine PoC als Ergänzung für die bestehende Runde. Dazu teilte man dann über Twitter mit: „Die Redaktion war seit Sonntag im Kontakt mit mehreren möglichen, auch schwarzen, Gesprächspartner*innen zum Thema Rassismus in den USA. Zugesagt hat jetzt eine afro-amerikanische Germanistikprofessorin aus North Carolina.“ Den Namen der Frau in der Ankündigung zu nennen, hielt man jedoch für unnötig. Die Wirkung: Sie soll nur eine Quote erfüllen, dass die Ergänzung der Gästeliste schlichtweg inhaltlich geboten war, hatte man bei Maischberger ganz offensichtlich immer noch nicht verstanden. Aber immerhin: Precilla Layne wurde live aus North Carolina zugeschaltet. Und hat die Sendung wirklich sehenswerter gemacht – Ohne, dass das Maischberger-Team das einkalkuliert oder auch nur ansatzweise gewürdigt hätte. Dann statt eines eigenen Slots wurde Layne nur zeitweise während des Interviews mit Bundesaußenminister Heiko Maas dazu geschaltet. Und als Maischberger am Ende allen Gästen namentlich dankte, erwähnte sie eine Person nicht: Precilla Layne.

Bei Maischberger haben Provokation und Ignoranz System, nicht aus journalistischer Haltung, sondern aus dem Streben nach Quote. Kein Wunder: Sandra Maischberger wurde von der ARD lange Zeit als einzige*r Talkshow-Gastgeber*in im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nach Quote bezahlt. Doch diese Kombination ist gefährlich, weil Maischberger zu einer guten Sendezeit am Mittwochabend Einfluss nimmt auf die gesellschaftlichen Diskurs – und das in einer nicht unwesentlichen Zielgruppe – und diese(n) mit allen Kräften nach rechts verschiebt. Weil eine Sendung, die Zuschauer*innen da abholt, wo sie stehen und ihnen statt neues Wissen nur einen Diskurs bietet, bei dem man sich „habs ich nicht gesagt?!“ denken kann, eben kein journalistisches Angebot ist.

Deswegen ist der Widerspruch, den die Sendung gestern in den sozialen Netzwerken erfahren hat, gut. Er hat immerhin für ein bisschen mehr Sichtbarkeit von Vielfalt im TV-Studio gesorgt und eine Debatte über dieses Talk-Format ausgelöst. Doch der Widerspruch darf jetzt nicht nachlassen: Wenn Sandra Maischberger uns als Publikum zurückgewinnen (oder zumindest eine gute Sendung ohne lautstarke und berechtigte Kritik) machen will, dann muss ihr bisheriges System hinterfragen. Und umkehren.

Es braucht keine unjournalistische Rechtspopulismus-Talkshow im Abendprogramm der ARD.

Zwinkerndes Gesicht