Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der zweite Weltkrieg und mit ihm die NS-Terrorherrschaft und der Krieg in Europa. 40 Jahre später bekannte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker für die Bundesrepublik, dass dieser 8. Mai für das neue Deutschland kein Tag der Niederlage in einem Krieg sondern ein Tag der Befreiung gewesen ist. Wir alle können froh und sollten dankbar sein, dass die Nazi-Herrscahft durch die Aliierten beendet wurde und wir heute in einem demokratischen Deutschland, welches Freiheits- und Bürger*innenrechte sowie die Menschenwürde achtet und verteidigt, leben können. Es war wirklich eine Befreiung.

Das heißt umgekehrt aber nicht, dass die Deutschen von einer politischen und gesellschaftlichen Führung befreit worden wären, die sie nicht selber gewählt haben – im Gegenteil: Die Nazis wurden gewählt und vor allem wurden sie nach ihrer Machtübernahme unterstützt. Auch wenn ein Großteil der Deutschen heute glaubt, ihre damaligen Vorfahren seien im Widerstand gewesen oder hätten Verfolgte unterstützt, waren die deutschen ein Volk von Täter*innen und Mitläufer*innen. Konkret zeigt zum Beispiel die Memo-Studi des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld von 2019, dass etwa 28,7 Prozent der Deutschen ihren Vorfahren eine Helfer-Vita andichten. 69,8 Prozent glauben, ihre Vorfahren seien nicht unter den Tätern gewesen. Und 35,9 Prozent erklären ihre Angehörigen gar zu Opfern. Während den gängigen Schätzungen zufolg der Anteil derjenigen, die potenziellen NS-Opfern geholfen haben, bei 0,3 Prozent, was etwa 200 000 Menschen entspricht, liegt.

Gestaltungsmöglichkeiten, 08.05.2020

Richard von Weizsäcker prägte auch einen zweiten bedeutsamen Satz: Die Jugend ist nicht verantwortlich für das, was geschehen ist, aber sie ist verantwortlich dafür, dass es #niewieder passiert. Die Ausschwitz-Überlebende Esther Bejerano sagt sogar: Die Jugend ist nicht schuldig an dem, was geschehen ist, aber sie macht sich schuldig, wenn es sie nicht interessiert. Und im Geiste dieser beiden Sätze müssen wir auf den AfD-Ehren- und Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland gucken. Der sagte diese Woche, dass der 8. Mai ein Tag der „absoluten Niederlage“ und des „Verlustes von Gestaltungsmöglichkeiten“ gewesen sei. Widerlich. Wir finden zweierlei:1. Wer die Befreiung nicht feiert, ist ein*e Verlier*in und2. Alle Demokrat*innen müssen dafür einstehen, dass Leute wie Gauland #niewieder Gestaltungsmöglichkeiten bekommen.

Esther Bejerano hat eine Petition gestartet, wonach der 8. Mai deswegen ein gesetzlicher Feiertag werden muss. Wir finden: Ja, verdammt, wenn Deutschland einen Nationalfeiertag haben sollte, dann diesen. Darum zeichnet die Petition und sagt es weiter!

PS: Ach, eins noch: Falls ihr euch gerade fragt, was eigentlich Thomas Kemmerich so macht. Auf der Zeichnung ist er nicht, weil wir nicht wussten, auf welche Seite er gehört.